Ein halbes Jahrhundert ist es her, dass die Beatles nach Indien pilgerten, um sich dort in transzendentaler Meditation zu üben. Warum dies ein Spiritualitäts-Startschuss für den Westen war und wie sich Yoga in den letzten fünf Jahrzehnten bei uns entwickelt hat – wir haben bei Zeitzeugen nachgefragt.

Es waren einmal vier Männer, die sich auf der Suche nach ihrem inneren Frieden gen Nordindien an den Fuße des Himalaya begaben. In weiße Gewänder gehüllt übten sie sich vor den Augen der ganzen Welt im Meditieren. Die legendäre Ashram-Stippvisite von John, Paul, George und Ringo vor exakt 50 Jahren war selbst für den relaxten Hippie-Zeitgeist fast zu abgefahren. Neugierig fragte sich jeder, was die Fab Four 1968 da eigentlich trieben in Rishikesh. „Mit ihren Trips nach Indien haben die Beatles das Interesse für Yoga in unserer westlichen Welt geweckt“, blickt Lalleshvari Turske, Begründerin der parApara yogaAkademie Berlin, auf den frühen Hype um Yoga zurück. „Die Menschen waren religionsmüde, sie suchten das Anders-Sein und Making love statt des Du-darfst-nicht-Zeigefingers. Yoga füllte die entstehende Leere sehr genau und auf einer breiten Basis öffnete man sich für Spiritualität.“

MY MAT & ME war zwar damals nicht dabei, aber wir haben den Beatles-Ashram vor ein paar Jahren besucht…

Dieser Zeitgeist weckte die in Deutschland bereits seit Jahrzehnten schlummernde Yoga-Tradition, die heute nahezu in Vergessenheit geraten ist. Denn Yoga ist bei weitem kein indischer Dauer-Exportschlager, der permanent den letzten Yoga-Schrei kreiert. Im Gegenteil: Schon lange vor den Beatles beschäftigte man sich weltweit mit den Schriftsammlungen der uralten Lebensphilosophie und gründete Stile, die sich zu unserem modernen Yoga weiterentwickelt haben – eine Evolution fern vom Ursprungsland. „Yoga hat eine unglaubliche Kraft, Lebendigkeit und Wandlungsfähigkeit und wird in der Essenz immer weiter entdeckt“, weiß Anna Trökes, die seit 1974 die ganze Bandbreite von Hatha Yoga unterrichtet. „Die Europäer und Amerikaner haben so passioniert Yoga betrieben, dass die Inder sich gesagt haben, da muss was dran sein.“

Gegen den angesagten Aerobic-Trend konnte Yoga in den 80ern trotz Räucherstäbchen (noch) nicht anstinken

In Deutschland schlossen sich die frühen Pioniere vor 50 Jahren zum Berufsverband der Yogalehrenden (BDY) zusammen. Eine Initialzündung, die den Weg in Volkshochschulen und kirchliche Einrichtungen ebnete. Praktizierte man die Asanas bis dato meist hinter verschlossenen Türen nach Büchern, konnte man nun in aller Öffentlichkeit gemeinsam Hunde, Bäume oder Kobras üben. Als einer der Vorreiter öffnete Nürnberg die Volkshochschule für angehende Yogis. Dort erkannte man sogar schon 1958, dass Yoga aus der Esoterik-Ecke raus muss, und bot den ersten Kurs an.

Selbst in den ach-so-befreiten 70ern waren die Ressentiments noch groß. Während Abenteuerlustige sich an indischen Traditionen wie Sivananda-, Iyengar– oder Viniyoga versuchten, setzten andere vorsichtshalber erst einmal auf den Entspannungseffekt. So durften die Leserinnen einer Frauenzeitschrift 1972 die „verwirrende Vielfalt von Yoga-Richtungen, ein bisschen Humbug mit langbärtigen Gurus und eine labyrinthische Philosophie“ beiseite lassen. Um einfach zu relaxen. Sogar in den fitnesswütigen 80ern zielte Yoga in erster Linie auf Entspannung ab – obgleich die Asanas nicht selten im angesagten Jane-Fonda-Look vorgeturnt wurden. Trotzdem: Gegen den schicken Aerobic-Trend konnte Yoga trotz Räucherstäbchen (noch) nicht anstinken.

Die „Yoga-Verwestlichung“ lässt heute frischen Wind über unsere Matten wehen

Das Relax-Klischee hielt sich bis in die 90er Jahre – und wuselt noch heute durch manche Gehirnwindung: Om-Singen zu Patchouli-Duft, die auf Indien-Atmosphäre getrimmten Hinterzimmer und das totale Entspannen unterm Guru-Konterfei auf dem Schaffell. „Irgendwann spürte ich, dass das ‚Wie’ nicht zu mir und den Anforderungen passte, das mein Leben mir bot. Ich wollte mich körperlich intensiver spüren“, erinnert sich die Berliner Yogalehrerin Sonja Eigenbrod an ihre eigene Rebellion gegen die traditionellen Stile zurück. „Die modernen Yogaformen haben sich unseren westlichen Bedürfnissen angepasst ohne dabei die Essenz zu verlieren. Sie sind dadurch lebbarer und dynamischer geworden.“

Diese „Verwestlichung“ brachte vor allem Stile wie Anusara, Ashtanga oder Jivamukti hervor, die sich in den USA entwickelt und seit mehr als einem Jahrzehnt frischen Wind über unsere Matten wehen lassen. Davor können sich selbst Fitnessstudios und Krankenkassen nicht mehr drücken – seit dem Jahr 2000 steigt die Nachfrage nach Yoga stetig, Versicherte bekommen für Präventionskurse einen finanziellen Zuschuss. Yogaschulen erfahren regen Zulauf von gestressten und verkrampften Großstadtmenschen. Das Trio aus Körper-, Atem- und Meditationsübungen verspricht längst nicht mehr nur Glückseligkeit, sondern Gesundheit, Fitness und Wohlbefinden. Vom Alterungsprozess bis hin zu Zyklusbeschwerden – in den Frauenzeitschriften avancierte Yoga immer mehr zum angesagten Selbsthilfe- und Schönheitsmittel.

Alle Stile haben ein gemeinsames Ziel – sie wollen die Einheit zwischen Körper, Geist und Atem herstellen

Wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit und eine Potenzierung des Wissens nebst der fundierten Ausbildung der Yogalehrenden machen Yoga inzwischen zu einer unverzichtbaren Therapie gegen viele Zivilisationserkrankungen für unsere moderne Sitzgesellschaft. „Wir wenden biomechanische Erkenntnisse an und achten genau darauf, wie wir die Muskulatur belasten“, betont Lalleshvari Turske, erste Anusara-Yogalehrerin Deutschlands. „Die alten Stile mussten weiterentwickelt werden, weil wir uns von einem indischen Körper sowohl auf der Konstitutions- als auch auf der alltäglichen Bewegungs-Ebene unterscheiden.“

Heute bilden traditionelle wie moderne Stile ein friedliches Potpourri. „Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, sich dem Wissen des Yoga anzunähern und jeder kann sich für einen Weg entscheiden, um ‚seinen’ Yoga zu finden“, sagt Anna Trökes. „Auch wenn es in der Form etwas unterschiedlich rüberkommt, haben alle Stile ein gemeinsames Ziel: Sie wollen die Einheit zwischen Körper, Geist und Atem herstellen.“ Das suchten die Beatles wohl schon vor 50 Jahren…

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