Auf ihrer Matte fand Katharina Middendorf ein wertvolles Tool für ihr Leben. Dafür ließ die erfolgreiche Kreativ-Direktorin Berlin, ihr altes Leben und ihre Laufschuhe hinter sich. Wie sie in Indien den Reset-Button drückte, gleichzeitig eine Familie und einen Yogastil gründete und dank Yoga der größten Angst im Leben – dem Tod – begegnen konnte, erzählt die nivata-Gründerin im Interview.

MY MAT & ME: Was machte die Katharina-ohne-Yoga früher und was macht die Katharina-mit-Yoga heute aus?

Katharina Middendorf: Die Person ohne Yoga hat sich Identifikationsbilder gesucht, über die sie sich definiert hat – ich war Kreativ-Direktorin, Marathonläuferin oder die Freundin von… Mit Yoga fing ich an, eine Idee zu haben, dass es neben den Namen und Bildern von mir auch noch etwas anderes gibt. Eine innere Idee, was ich bin und was ich tue. Diese Idee wurde durch Yoga geboren und seitdem immer mehr verfeinert. Ich fühle mich nicht mehr so hilflos, verwirrt oder verloren bei der Frage, wer ich bin. Yoga hat mir mehr den Blick dafür geöffnet, warum ich hier bin.

MY MAT & ME: Wie lebt es sich als Yogalehrerin, wenn man vorher erfolgreiche Kreativ-Direktorin in einer Design-Agentur war?

Katharina Middendorf: Ich habe früher für Unternehmen das gemacht, was ich für mich selber nicht auf die Reihe bekommen habe: Ich habe ihnen geholfen, sich dank Corporate Design und Markenaufbau selber zu sehen, indem ich den Kern einer Marke oder eines Produktes definiert und sichtbar gemacht habe. Heute kann ich den Menschen dank dieser beruflichen Erfahrung direkt etwas geben. Nämlich helfen – wenn sie das denn wollen – einer Idee von sich Form zu verleihen und zu vertrauen. Yoga ist ein Handwerkszeug, mit dem sie weitergehen können.

MY MAT & ME: Ist ein Leben ohne dieses Handwerkszeug für dich überhaupt noch denkbar?

Katharina Middendorf: Mittlerweile ist Yoga in meinem System – ich kann das gar nicht mehr trennen. Dabei sind die Zeiten auf der Matte sehr kurz geworden, die eigene Praxis findet eher im Gespräch, bei einem Streit oder in herausfordernden Situationen mit meinen Kindern statt.

MY MAT & ME: Wie hast du das Glück auf der Matte für dich entdeckt?

Katharina Middendorf: Ich habe früher mit exzessivem Laufen versucht, vor meiner eigenen Verwirrung wegzulaufen. Dafür bin ich pro Woche 30 Kilometer gerannt, habe Intervalltraining auf der Laufbahn absolviert und bin drei Marathons gelaufen. Allerdings waren meine Muskeln sehr verkürzt und so habe ich ein effektives Stretching gesucht. Mit dem Ergebnis, dass ich mich nach meiner ersten Yogastunde viel besser gefühlt habe als nach dem Laufen.

MY MAT & ME: Und dann hast du dich in deinen Yogalehrer verliebt…

Katharina Middendorf: Zuerst in sein Yoga. Eine Freundin hatte mir Julians Klasse empfohlen – er unterrichtete eine wahnsinnig anspruchsvolle Praxis zu Rock-Musik. Ich erinnere mich daran, dass wir Yoga zu „Butterflies and Hurricanes“ von Muse praktiziert haben. Das fühlte sich sehr lebendig an und gleichzeitig war es unglaublich still im Auge des Hurrikans.

MY MAT & ME: Was machten die Schmetterlinge?

Katharina Middendorf: Die taten ihr Übriges. Als Yogalehrer hat Julian mich fasziniert und ich habe mich nach einem Beziehungs-Aus zu einem Retreat von ihm angemeldet. Kurz danach hatten wir unser erstes Date – seit dem Abend waren wir ein Paar. Allerdings sagte er mir gleich zu Beginn, dass er sechs Wochen später für unbestimmte Zeit nach Indien gehen würde. Dieses Unbestimmte wollte ich auch, ich hatte keine Lust mehr auf Timelines und Strukturen.

MY MAT & ME: Also bist du diesem eigentlich wildfremden Mann nach Indien gefolgt?

Katharina Middendorf: Ja, als er mich eine Woche vor seinem Abflug fragte, ob ich mitkomme, habe ich spontan „Ja“ gesagt. Innerhalb von sechs Wochen habe ich Job, Wohnung und Versicherungen gekündigt, mein Auto verkauft und meine Sachen verschenkt. In dieser Zeit habe ich sehr viel Abschied genommen. Am Ende blieb mir nur ein einziger Koffer.

MY MAT & ME: Mit dem bist du dann in dein neues Leben wie ein postmoderner Hippie gestartet…

Katharina Middendorf: Ja, aber wir waren keine postmodernen Hippies, sondern eher Yogis mit iPhone und Samsonite-Koffer auf dem Weg in die Freiheit. Wir waren nicht wie Backpacker auf der Reise, wir hatten immer eine Wohnung, haben an den Orten wirklich gelebt und gearbeitet. Freiheit plus Commitment hieß unser Motto – also nahmen wir uns an die Hand und marschierten in unsere gemeinsame Zukunft. Immer mit der Frage: Was wäre, wenn ich jetzt entscheiden könnte, wie mein Leben weitergeht?

MY MAT & ME: Wie ging das Leben in Indien weiter?

Katharina Middendorf: Wir sind nach einiger Zeit für zweieinhalb Monate im Himalaya gelandet – für mich die einzige Auszeit in meinem Leben. Dort hat sich unser Leben sehr verändert: Wir haben einen Lehrer gefunden, gemeinsam eine Yoga-Ausbildung bei ihm gemacht und sehr viel praktiziert. In Leh haben wir auch geheiratet, unsere Familie und nivata-Yoga gegründet. Es war klar: Jetzt geht’s los!

MY MAT & ME: Du hast quasi den Reset-Button in deinem Leben gedrückt…

Katharina Middendorf: Ja, Indien war mein Zuhause als ich es betrat – dieses Land lässt einen einfach in Ruhe. Indien und Yoga haben unser Leben verändert, nur mussten wir dann zulassen, dass das Leben unsere yogische Einstellung über den Haufen geschmissen hat. Schon während der Schwangerschaft mit unserem Sohn Luke war klar, dass er herzkrank war und nach der Geburt Operationen brauchen würde. Die Angst hat uns unfrei gemacht. Also sind wir nach Berlin zurückgekehrt und haben unsere eigene Yogaschule eröffnet.

MY MAT & ME: Luke verstarb vier Wochen nach der Geburt, Julian erkrankte ein Jahr später an Krebs als du mit Tochter Naya schwanger warst – wie hat dir Yoga in dieser Zeit geholfen?

Katharina Middendorf: Das Unterrichten hat mich enorm getragen. Es hat mir Kraft gegeben, die Grundmanifeste immer wieder aus meinem Mund zu hören, die auch für mich gelten. Ich selber habe nie mehr Yoga gemacht als in der Zeit, in der ich Julian beim Sterben begleitet habe. Ich bin durch diese Zeit mit so wachem Geist und Bewusstsein wie möglich gegangen, mit dem größtmöglichen Maß an Liebe und Hingabe. Um nicht durchzudrehen.

MY MAT & ME: Welcher yogische Gedanke hat dich aufrecht gehalten?

Katharina Middendorf: In den Kleshas von Patanjali heißt die Angst vor dem Tod Abhinivesha – die Konfrontation mit dieser Angst war für mich ein enormes Katapult. Sie hat nicht nur Kraft gezogen, der Dialog mit der Angst hat mich durch diese Zeit getragen. Yoga hat tatsächlich mein Leben verändert: Hätten meine Lehrer mir nicht gezeigt, wie ich mich mit den Kleshas auseinandersetze, hätte ich mich ins Unbewusste geschossen.

Yoga gibt uns eine Vielfalt an Instrumenten an die Hand, uns selbst anzuschauen, um dann dank der Liebe dem Leben, den Menschen und sich selbst gegenüber Dinge zu verändern.

MY MAT & ME: Du bildest heute selber Yogalehrer aus – was ist das Wichtigste fürs Leben, das du ihnen vermitteln möchtest?

Katharina Middendorf: Gut hinzuschauen und das Gelernte und Erfahrene persönlich weiterzugeben. Und im Grunde immer noch: Freiheit mit Commitment. Schöner gesagt: Verbundenheit und Freiheit. Ich wünsche mir, dass Menschen mutige Entscheidungen treffen, die sie glücklich machen. Besonders, wenn man mit anderen Menschen in Beziehung tritt.

MY MAT & ME: Warum hat Yoga so ein unglaubliches Potenzial, unser Leben zu verändern?

Katharina Middendorf: Yoga gibt uns eine Vielfalt an Instrumenten an die Hand, uns selbst anzuschauen, um dann dank der Liebe dem Leben, den Menschen und sich selbst gegenüber Dinge zu verändern. Diese Yoga-Tools sind ein supersystematisches Abbild des gesamten Systems inklusive des Menschen. Aber die Handelnden sind wir – wir können diese Tools nutzen. Liebe ist dabei der Motor, der uns zum Yoga bringt und den Wunsch in uns weckt, etwas zu bewirken.

MY MAT & ME: Du hast inzwischen eine neue Liebe gefunden und vier Kinder…

Katharina Middendorf: Inzwischen ist viel passiert. Zum einen Zeit ist vergangen – was sehr wichtig ist und nicht unterschätzt werden sollte. Zum anderen habe ich Ralf an meiner Seite, mit dem ich den Yoga-Weg weitergehen kann und mit dem ich besonders den therapeutischen Weg verfolge. Wir sind ein bunter Haufen an Menschen mit vielen Schicksalen: meine zwei Kinder Lea und Naya, Ralfs Tochter Tara und unser gemeinsamer Sohn Nandi. Es ist ein Wahnsinns-Geschenk und – wie Ralf mal sagte – in so einer Patchwork-Familie liegt Hoffnung. Und das finde ich auch.

MY MAT & ME: Was ist deine und Ralfs Hoffnung für euren Weg?

Katharina Middendorf: Ralf und ich möchten Menschen unterstützen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ohne den Kompromiss des kleinsten gemeinsamen Nenners zu wählen. Dabei liegen uns besonders Paare am Herzen, denn das ist die kleinste gemeinsame Einheit an Gemeinschaft und oft ein Herd des Glücks wie des Unglücks. Das strahlt auf soviel aus. Wir haben mit unserer Praxis für Paar- und Sexualtherapie den Fokus darauf gesetzt, dass die Klienten hier über das reden können, was sie sonst fast niemandem sagen. Und darüber, wie man aus einer unzufriedenen Beziehung eine glückliche machen kann. Oder ob man eine Beziehung beenden möchte oder nur einen unhaltbaren Zustand.

 

Über den Aufbruch in ein neues Leben, die Gründung von nivata-Yoga (www.nivata.de) und ihre Zeit in Indien hat Katharina Middendorf ein Buch geschrieben – „360 Grad!“. Im GU Verlag hat sie bereits zahlreiche Yogabücher veröffentlicht und zusammen mit Ralf Sturm das Buch „Bereit für die Liebe. Wenn Du denkst es ist vorbei, fängt es eigentlich erst an“ bei Kamphausens publiziert. Sie leitet die von ihr entwickelte Yogalehrer-Ausbildung zum „Teacher of Stillness“ in Berlin und arbeitet in eigener Praxis als Yoga-Therapeutin und zusammen mit ihrem Mann Ralf Sturm als Paar- und Sexualtherapeutin (www.middendorf-sturm.de).

 

Fotos: Weronika Trojanowska, Philipp Arnoldt

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